Tanztheater Jena e.V.

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Tanztheater Jena e.V.

Zum 65. Geburtstag von Manuela Schwarz

Ich will nicht sagen: Tschüss, das war's

Auch mit 65 Jahren lebt die Jenaerin Manuela Schwarz für den Tanz

von Ilona Berger, erschienen in der OTZ am 02.08.03

Um die lyrische Partie der Jele im Ballett "Teufel im Dorf" hat sie gekämpft, damals in de 50ern am Kleisstheater Frankfurt/Oder. "Die Rolle ist nichts für dich, behauptete die Ballettmeisterin", erinnert sich Manuela Schwarz. "Aber ich wollte beweisen, dass ich nicht nur Prinzessinnen oder böse Schwestern mit Kullerwangen oder angeklebten Ohren tanzen kann." Die 20-jährige schafft es. Sie bekam den Solopart. Als der Premierevorhang fiel, tobte das Publikum vor Begeisterung. Die junge Frau weinte vor Glück. Ihrem Körper hatte sie alles abverlangt. Feuerwehrleute mussten die erschöpfte Frau von der Bühne führen.

Auch heute kullern noch Freudentränen, wenn Applaus aufbraust. Beifall für ihre Mädels vom Tanztheater Jena e.V.. Bei jedem Auftritt ihrer Schützlinge fühlt die Pädagogin mit. Schon über 40 Jahre lang. Denkt sie ans Aufhören? "Ich möchte jetzt nicht einfach sagen: Tschüss, das war's." Im Mai feierte Manuela Schwarz ihren 65. Geburtstag. "Beim Tanzen ist es nicht so wie in der Wissenschaft, dass per Stichtag abgerechnet wird." In Mußestunden grübelt sie über einen Nachfoger nach. Was dieser können muss, weiß sie genau: "Er sollte tänzerisch, pädagogisch und menschlich überzeugen." Etwas traurig erklärt sie: "Hauptberuflich kann niemand vom Ensemble leben. Das ist ein Problem. Außerdem muss ein Leiter immer erreichbar sein."

Manchmal klingelt bei Schwarz' um Mitternacht das Telefon. Schrillt's zu oft, grummelt ihr Mann. Eltern fragen, Teenager schütten ihr Herz aus. Manu, wie sie liebevoll genannt wird,  ist dann ein aufmerksamer Zuhörer und ein bisschen Seelsorger. Möchte jemand von ihr einen Rat, dann gibt sie ihn. "Ich weiß mehr als manche Mütter und Väter. Die Mädels kennen auch meine Probleme."

"Das Tanztheater ist für mich wie eine zweite Familie", sagt Bianca Schneidewind. Seit 14 Jahren ist sie dabei Mit Spannung fiebert die 20-jährige dem neuen Programm entgegen. "Handi(y)cap" heißt es. Ist das der letzte Coup von Manuela Schwarz? Bestimmt nicht. Wäre schade! Premiere soll im Dezember oder Januar sein. Oder auch später. "Wenn es fertig ist, dann ist es fertig", erklärt energisch die Frau, die von sich behauptet, auch sensibel zu sein. "Da verkennen mich viele. Manchmal berührt mich jede Fliege, jedes Wort, ob freudig oder traurig." Gelitten hat sie. Nicht gern spricht sie darüber. Aber dann sprudelt es heraus. "1961 baute ich die Schlagertanzgruppe des damaligen VEB Carl Zeiss Jena auf. Später folgte die Gründung des "Ensembles der heiteren Muse" und dessen Profilierung zum Zeiss-Tanzensemble. Es machte Spaß. Ich sah mich dem Kombinat verpflichtet, offiziell gehörte ich aber nie dazu, Ich bekam keine feste Stelle. Gut, das Negative verdrängt man eh - auch die Sorgen nach der Wende."

Einige Zeit blieben ihre Zöglinge beim Training im Volkshaus Jena fern. Die Neugier auf das Unbekannte war stärker als die Selbstdisziplin. Sich satt gesehen, kamen sie wieder zur Probe. 1992 gründete sich das Tanztheater Jena e.V. "Auf den Namen brachte uns ein Erlanger Kollege. Nach einem unserer Auftritte sagt er erstaunt: ihr erzählt doch mit euren Prorammen Geschichten." Es entstanden "Musical", "Pausensound", "Realisationen I, II, III", "Licht und Schatten".

Während die Tanzpädagogin auf der Bühne um Qualität ringt, kämpft sie dahinter zusammen mit dem Vorstand um jeden Euro, schreibt Anträge für Fördergelder, sucht Sponsoren und Auftrittsmöglichkeiten. Sie stöhnt: "Dabei bin ich gar kein Geschäftsmann. Ich verschenke alles. Gefällt einem Besucher meine Vase, hat er die schon in der Hand." Wurde es für das Ensemble mal ganz eng, half die Jenoptik mit Dr. Lothar Späth. Das ist nun vorbei. Neben dem ständigen Bemühen, Finanzen zu beschaffen, musste Manuela Schwarz auch Zugeständnisse eingehen. Härt wich Verständnis. "Alle lachen immer, wenn ich ihnen die Episode über Bärbel Schuster erzähle. Sie verschob ihre Hochzeit, weil wir einen wichtigen Auftritt hatten. Heute geht bei den Mitgliedern die Arbeit vor und nicht das Tanzen. Was ich fordere, sind  Engagement und Disziplin. Alles andere wächst." Nach wie vor schickt die Tanzpädagogin auch unbegabte nicht nach Hause. "Es gibt immer eine Möglichkeit jenen einzusetzen. Selbst Mollige erhalten bei mir eine chance. Für mich ist Breitenarbeit genauso wichtig wie Spitzenleistung. Vielleicht denke ich da als Tanzpädagogin anders." Selbst als sie arbeitslos wurde, gab sie ihr Tanztheater nicht auf.

Manuela Schwarz wollte immer pädagogisch arbeiten. Vor Publikum kokettieren, sich im Blitzgewitter aalen, war nie ihr Ding. Dennoch ist sie staatlich geprüfte Tänzerin. "Ich kann nicht Tanz lehren, wenn ich nicht das Gefühl habe, wie es auf, vor und hinter der Bühne ist."

1956 hielt sie den Abschluss als Tanzpädagogin in der Hand. Bereits mit 14 fuhr sie von Dorf zu Dorf und unterrichtete Folkloregruppen. Schon als Dreijährige lernte sie bei ihrer Mutter Anneliese Bornacke-Urlichs, sich rhythisch zu bewege. Sie führte eine staatlich anerkannte Ballettschule in Jena. Nicht immer hatte das Mädchen Lust zum Üben. Dann gab's Zoff Manuela fans auch den Beruf ihres Vaters, Bühnenbildner, spannend. Das Interesse besteht bis heute. "Ich entwerfe alle unsere Kostüme. Auch die Choreografien erarbeite ich mir. An die 800 sind es inzwischen." Findet sie Tänze von anderen Choraogafen gut, werden diese abgekauft.

Ihre Ideen sprudeln nicht nur in der Nacht - wie bei vielen Künstlern - auch bei Spaziergängen, bei der Hausarbeit oder beim Einkaufen. Die Gedanken behält Manuela Schwarz im Kopf, aufschreiben muss sie nichts. Vielleicht kann sie sich deshalb so gut Telefonnummern und Namen merken. "Ich kann Eltern von Schülern, die nicht mehr bei mir tanzen, namentlich begrüßen."

Aber das ist nicht ihre einzige Gabe. Alle schwärmen von ihrem leckeren Apfelkuchen. Den serviert sie in ihrer paradiesischen Oase Bucha. Ihr Zuhause. Dort lebt sie mit Ehemann in einer alten Windmühle. Ohne Flügel. Spricht mit Blumen und Unkraut oder den zwei Katzen. "Ich habe es so schön, dass ich nicht verreisen muss." Packt sie dennoch Fernweh, dann nach Berlin zur Familie einer ihrer Söhne. Wieder zu Hause klingelt gewohnt das Telefon.

Zwei oder drei mal im Jahr trifft sich Manuela Schwarz außerhalb des Trainings mit Mitgliedern ihres Tanztheaters. Das fördert en Zusammenhalt des Ensembles. Die 17-jährige Julia Kahnt gerät ins Schwärmen. "Manu ist eine tolle Frau. Sie kann mit allen Altersklassen umgehen. Selbst bei den dreijährigen Knirpsen behält sie die Ruhe." Bis zum 65. Geburtstag war Manuela Schwarz noch Leiterin der Tanzabteilung der Musik- und Kunstschule Jena. Danach musste sie sich von ihren "Kindern" verbschieden. Aber ihr bleibt ja das Tanztheater. "Tanzen bedeutet für mich, doch die Seele zu offenbaren und Gefühle zu zeigen."

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